Die moderne Musikproduktion verändert und entwickelt sich laufend, parallel zu den neuesten technischen Möglichkeiten. Das Selbe gilt auch für den Bereich der Komposition und der künstlerischen Performance.
Als ich meine Ausbildung zum Tontechniker gemacht habe, wurden Songs noch auf Tonband aufgenommen, kopiert, umgeschnitten und per Klebestreifen geklebt. Nun, zwanzig Jahre später, werden Tonbandmaschinen oft nur mehr als teures Extra im Tonstudio benutzt. Alle Produktionen werden direkt auf Festplatte aufgenommen und per Computer bearbeitet. Aber wie sieht es mit der Benutzung von Effekten aus? Was hat sich da verändert?
Am Anfang: Musik
Vor vielen Jahrzehnten gab es diese ganze analoge & digital Technik, inkl. elektrischer Instrumente, noch nicht. Musik wurde auf einer Orgel, oder einem Cembalo, gemacht. Um 1709 wurde dann das (Hammer)Klavier, von Bartolomeo Cristofori, erfunden. Obwohl das Klavier ein viel teureres Instrument war als viele bisherigen Instrumente, wollten plötzlich alle Komponisten für dieses “neue Stück Equipment” Musik schreiben und jeder Tasteninstrumentalist wollte es natürlich auch spielen.
Danach: Musikproduktion
Wenn wir nun das Ganze auf die Musikproduktion umlegen, sieht die Sache so aus: Equalizer und Kompressoren waren ursprünglich als reine “Problemlöser” gedacht, d.h. um unerwünschte Effekte wie Dynamikschwankungen, oder über/unterbetonte Frequenzbereiche und Störgeräusche wie zum Beispiel das “Netzbrummen”, zu beseitigen. Aber in den 60er-Jahren entdeckten Produzenten und Tontechniker plötzlich das man mit diesem Equipment auch kreative, und neue, verrückte Dinge, anstellen konnte. Das Selbe galt auch zum Beispiel für den Panning-Regler. Sobald der erfunden wurde, wurde er natürlich sofort fleissig benutzt.
Als die E-Gitarre erfunden wurde, wollte jeder E-Gitarre spielen und auf der E-Gitarre komponieren. Als der Synthesizer erfunden wurde, wollte jeder einen spielen und auf Ihm komponieren. Als der Sampler erfunden wurde, wollte jeder einen benutzen und mit diesem komponieren. Als der Sequenzer erfunden wurde, wollte jeder einen benutzen und mit Ihm komponieren.
Es ist also klar: Die neueste Technik beeinflusst das Musik,- und Produktionsverhalten.
Der Sättigungseffekt
Aber typischer Weise gibt es nach einem neuen Technikboom auch wieder eine Phase der Sättigung, d.h. das ab einem gewissen Zeitpunkt die Verwendung bereits bekannter Technik “ein alter Hut” ist. Zum Beispiel wurde in den 80er Jahren die “gegatete snare” so lange überstrapaziert das es in den 90er Jahren in Tontechnikerkreisen als “no-go” galt diese Technik einzusetzen. Abwertendes Zitat: “Mann, ist das retro!”.
Interessanterweise galt das aber nie für das Klavier, im Gegensatz zur E-Gitarre, die ebenfalls eine kurze “Übersättigungsphase” in den 80er-Jahren hatte, worauf jeder nur mehr Synthesizermusik machen wollte.
Zyklen
Aber die Verwendung von “alten Techniken” ist zyklisch, daher werden die alten Techniken und Sounds nach einer gewissen Zeit wieder rausgekramt, etwas aufpolliert, und wieder verwendet. Und die neue Generation von Musikern und Musikkäufern waren damals noch zu jung um sich an “die alten Sachen” zu erinnern und benutzten wieder exzessiv die für sie neue Technik.
Daher: Wenn eine Technologie neu ist sollten wir versuchen Sie auf jeden Fall zu erlernen und einzusetzen, ehe es “die Anderen” machen. Wenn dann die “Depressionsphase” dieser Technik kommt, sollten wir uns rechtzeitig mit der nächsten Innovation beschäftigen. Aber was immer wir tun, wir müssen aufpassen das wir auch nicht zu spät kommen, denn es gibt für einen modernen Musikproduzenten nichts Schlimmeres als wenn er erst auf die Party kommt wenn alle schon gegangen sind.
-AML

